Hallo Thomas und Queen of Nowhere,
das ist eine sehr gute Übersetzung. Ich habe da nur einige Kommentare, die sich auf meine eigene Interpretation beziehen.
Zunächst einmal die scheinbar wichtigste Zeile "I bear my heart for all to see": "to bear" kann viele Bedeutungen haben, unter anderem auch "tragen". Thomas hat dies auch erkannt, allerdings klingt die Übersetzung etwas holprig. Ich verstehe die Zeile wörtlich so: "Ich trage mein Herz offen und für alle sichtbar", also in etwa "Ich trage mein Herz auf der Zunge", wie der deutsche Volksmund sagt, aber es ist auch im Gesicht erkennbar. Ich finde aber auch deine Interpretation schön und denke, dass der Ziel des Textes dann erreicht ist, wenn du ihn auf dich beziehen kannst und dir eine persönliche Bedeutung für dich selbst zusammengestellt hast, unabhängig davon, was es vielleicht wörtlich heißt.
Dasselbe Wort kommt in der ersten Zeile vor. "To betray" heißt meistens "betrügen", aber wie in diesem Fall kann es auch soviel wie "offenbaren, preisgeben" heißen, wie in dem Beispielsatz "Even though he looked young, his hands betrayed his age". "To bear" drückt hier meiner Meinung nach erneut ein offenes Tragen aus. Dieses Wort wird zumeist in Zusammenhängen wie "bear the pain/shame" oder auch "Jesus has to bear the cross" benutzt. Hier lautet mein Vorschlag also "Augen geben die Seele preis und offenbaren ihre Gedanken" (also die der Seele). Dazu passt dann auch der zweite Satz, der von Thomas schön übersetzt wurde, nämlich, dass man in den Augen so viel ablesen kann, was im Inneren eines Menschen (der Seele) vorgeht.
"Durch meine Augen starre in mich" würde ich als "Starre durch meine Augen in mich hinein" formulieren, um es von der Satzstellung etwas deutscher zu machen.
Bei "Mit meinem Gesicht der Sonne zugewandt stets still stehend" würde ich es eher so schreiben: "... zugewandt, die auf ewig still steht", um klarzumachen, dass mit stillstehen die Sonne gemeint ist und nicht der Sprecher (natürlich setzt dies eine Kepler'sche Ansicht von Astronomie voraus

)
"Es war ein Tag so lang erwartet und die Chance zu sein wie ich." Meine Version "Es war ein so lang erwarteter Tag und eine Chance, ich selbst zu sein."
Im Satz danach würde ich vorschlagen, das Verb "rinnen" zu benutzen. Im Ausgangstext wird durch die Benutzung von "run" der bekannte Ausdruck "It ran like sand through my hands" ins Gedächtnis gerufen, der natürlich mit dem Verstreichen von Zeit zu tun hat. Im Deutschen wird dies normalerweise als "Sand rinnt durch meine Hände" ausgedrückt, daher bleibt dieser kleine Wink durch die Benutzung von "rinnen" im Zieltext erhalten. Falls dies als Überinterpretation meinerseits angesehen wird, sollte das idiomatische "wehen" verwendet werden.
"bevor ich mich drehte, um weg zu gehen." => "als ich mich drehte, um weg zu gehen."
danach: "Ich sehne mich danach, in fernen Tagen alles noch so klar zu empfinden."
"Obwohl die Jahreszeiten wechseln und Dinge, die geschehen in mir bleiben."
Hier muss "though" meiner Meinung nach unbedingt als "doch" übersetzt werden. Mein Vorschlag "Und doch ändern sich die Jahreszeiten und Dinge passieren und setzen sich in mir fest."
Im letzten Abschnitt heißt "deed" nicht Urkunden, sondern einfach "Taten". Und im letzten Satz würde ich eher "... geöffnet, damit sie die Wunder sehen können, die ich gesehen hatte." schreiben.
Ansonsten eine sehr gute Übersetzung eines wirklichen schwierigen, aber wunderbaren Textes!
"Alle Wahrheit durchläuft drei Stufen. Zuerst wird sie lächerlich gemacht oder verzerrt. Dann wird sie bekämpft. Und schließlich wird sie als selbstverständlich angenommen." - Arthur Schopenhauer
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Wurzelwerk« (31. Januar 2010, 16:41)